Diät und Diätetik - nur etwas zum Abnehmen?

Über den Zusammenhang von Gesundheit und Fütterung:

Diät und Diätetik sind zwei Begriffe, die aus unserer menschlichen Ernährung nicht mehr wegzudenken sind. Aber auch in der Kaninchenfütterung haben diese beiden Begriffe eine zunehmende Bedeutung. Wir verstehen in unserer eigenen Ernährung unter "Diät" eine Nahrungszusammenstellung, mit der man zum Beispiel Gewicht abnehmen kann. In der Kaninchenfütterung müssen diese Begriffe aber mit einem anderen fachlichen Ansatz gesehen werden. Schauen wir uns daher zunächst einmal an, was unter dem Begriff "Diät" definitionsseitig zu verstehen ist. "Diät" kommt aus dem griechischen Sprachgebrauch und bedeutet laut Duden "der richtigen Ernährung entsprechend". "Diätetik" wird definiert als "die Lehre von der Ernährung". Unter einem "Diätetikum" versteht der Duden "... ein für eine gesunde Lebensweise geeignetes Nahrungsmittel". Der Nährwert eines Futtermittels wird auch als sein "diätetischer Wert" bezeichnet. Der Begriff des "Diätfuttermittels" wird im Deutschen Futtermittelgesetz unter § 2, Absatz 1, genau definiert. Hiernach sind Diätfuttermittel "Mischfuttermittel, die dazu bestimmt sind, den besonderen Ernährungsbedarf von Tieren zu decken, bei denen insbesondere Verdauungs-, Resorptions- oder Stoffwechselstörungen vorliegen oder zu erwarten sind". Damit stellt das Futtermittelgesetz eindeutig klar, dass die Begriffe "Diät" oder auch "Diätetik" in der Ernährung von Tieren nicht etwas mit "Abnehmen", sondern mit einer besonderen und gesunden Fütterung zu tun haben.

Diät und Kaninchenzucht

Von großer Bedeutung für die Haltung und die Fütterung der Kaninchen sind die Besonderheiten des Verdauungssystems. Die als sehr komplex zu bezeichnende Verdauungsstrategie des Kaninchens ist in erster Linie auf einen großen Durchsatz rohfaserreichen Futters abgestimmt. Auffallend ist der verhältnismäßig große Magen (ca. 34 % des gesamten Verdauungssystemvolumens) und der sehr große Blinddarm (ca. 49 % des Gesamtvolumens). Der Blinddarm hat für die Ernährung der Kaninchen eine überragende Bedeutung, da in ihm über komplizierte Fermentationsprozesse, an denen hauptsächlich anaerobe Bakterien beteiligt sind, erhebliche Mengen an flüchtigen Fettsäuren, hochwertigen Proteinen und lebenswichtigen B-Vitaminen gebildet werden. Diese Nährsubstanzen werden teils über die Blinddarmwand aufgenommen sowie über Ausscheidung und anschließendem Verzehr des sogenannten Blinddarmkotes dem Tier zugänglich gemacht (Blinddarmspeise oder Coecotrophie). Der Vorteil dieser Verdauungsstrategie besteht in der Möglichkeit, Futtermittel mit relativ niedrigen Nährstoffkonzentrationen verwerten zu können. Auf der anderen Seite ist das Kaninchen bei entsprechend nährstoffreicher, insbesondere stärkereicher Versorgung auch anfällig für Verdauungsstörungen. Hier sind vor allem Infektionen mit Kokzidien, Clostridien und Colibakterien zu nennen.

Gefürchtete Darmerkrankungen

In den vergangenen zwei Jahren ist die Rassekaninchenzucht von einer neuen Darmerkrankung, der so genannten Enterocolitis, massiv betroffen. Eine diätetisch hochwertige Fütterung der Kaninchen, die auch als "Diätfütterung" bezeichnet werden kann, beachtet diese zentrale Bedeutung der Blinddarmverdauung und deren Ablauf im physiologischen Normalbereich für die Gesunderhaltung des Kaninchens. Damit bakterielle Erreger wie Clostridien und verschiedene E. coli-Serotypen, die u. a. auch im Zusammenhang mit der Enterocolitis diskutiert werden, möglichst schlechte Lebensbedingungen im Blinddarm vorfinden, ist neben der ausgewogenen Nährstoffzusammensetzung (auf unter 16 % begrenzter Stärkegehalt; 13-17 % "Rohfaserfraktion", gezielt zusammengesetzt; hohe Verdaulichkeit des Proteins im Futter) die wichtigste Aufgabe einer diätetisch wertvollen Fütterung: den "Blinddarm füttern". Dies bedeutet, die dort vorhandenen anaeroben Bakterien gezielt zu unterstützen, sodass sie möglichst optimal kurzkettige Fettsäuren produzieren und damit Schadkeimen ein möglichst ungünstiges Lebensumfeld schaffen. Daraus ableitend kann der besondere Ernährungszweck eines Diätfutters für Kaninchen auch folgendermaßen gefasst werden: "Das Diätfutter soll bei Kaninchen in Stresssituationen (z. B. nach dem Absetzen) und bei Störung der Blind- und Dickdarmfunktion (z. B. unter Einfluss von Enterocolitis) über die spezielle Zusammensetzung und bestimmte gesundheitsfördernde Zusatzstoffe (z. B. Probiotika) für einen Ausgleich sorgen". Praxisversuche in landwirtschaftlichen Betrieben mit Kaninchenfleischerzeugung zeigen, dass eine so ausgerichtete, diätetisch hochwertige Fütterung der Kaninchen eine deutlich verbesserte Gesunderhaltung und gleichzeitig sehr gute Zuwachsleistungen ermöglicht. Ein aktuelles Praxisergebnis ist in Abbildung 1 dargestellt. Der Betrieb hält 750 Häsinnen und mästet die komplette Nachzucht. Die Jungtiere werden nach 28 Tagen Säugezeit mit einem mittleren Gewicht von ca. 750 g abgesetzt. In dem Versuch wurde ein entsprechend konzipiertes Diätfutter für Kaninchen im Vergleich zu einer herkömmlichen Standardfütterung eingesetzt. Die Kontrollgruppe umfasste 665 eingestallte Tiere, die Versuchsgruppe 680 Tiere. Die Verluste in den ersten drei Wochen nach Absetzen konnten bei der Diätfütterungsstrategie auf ein sehr niedriges Niveau gesenkt werden. Die Zuwachsleistungen der Kaninchen wurden als gut beurteilt und waren zwischen den Gruppen nicht unterschiedlich. Das bisher verwendete Standardfutter musste in den ersten Wochen nach dem Absetzen grundsätzlich restriktiv gefüttert werden, da ansonsten im Zeitraum 8 bis 14 Tage nach Absetzen deutliches Durchfallgeschehen auftrat. Demgegenüber konnte das Diätfutter zur freien Aufnahme angeboten werden.

Diätetische Fütterung von Rassekaninchen

Auch in der Fütterung von Rassekaninchen setzt sich diese diätetisch hochwertige Fütterung immer mehr durch. Welche Erfahrungen haben Rassekaninchenzüchter mit dieser Fütterungsstrategie gemacht? Lassen wir dazu Züchter zu Wort kommen: Die Familie Rolfes aus Kroge-Ehrendorf, KZV 1144, züchtet seit Jahren mit Erfolg u. a. Weißgrannen, schwarz; Deutsche Kleinwidder, schwarz; Widderzwerge, blau und blau-weiß, und Thüringer sowie Farbenzwerge und Fuchszwerge in 160 Ställen. Peter Rolfes hat mit einer diätetisch hochwertigen Fütterung besonders in der Absetzphase der Jungtiere beste Erfahrungen gemacht. "Bei der von mir praktizierten Diätfütterung ist die Verdauung der Kaninchen, besonders der Jungtiere, deutlich verbessert. Die allseits bekannten Absetzdurchfälle gehören praktisch der Vergangenheit an, die Tiere haben ein glänzendes, glattes Fell und sind in guter Körperkondition. Dabei habe ich festgestellt, dass insbesondere bei kleinen Rassen eine bereits in der Absetzphase oft zu beobachtende Verfettung nicht vorhanden ist, der Fleischansatz aber stimmt. Das hat für die erfolgreiche spätere Zuchtnutzung deutliche Vorteile. Meine Farbenzwerge sowie die Widderzwerge füttere ich komplett mit dieser Fütterungsvariante, die übrigen Rassen stelle ich frühstens vier Wochen nach dem Absetzen im Verlaufe einiger Wochen schrittweise auf ein hochwertiges Basisfutter für Rassekaninchen um. Eine Diätfütterung der Kaninchen ist nach meinen Erfahrungen eindeutig gesundheitsfördernd und nicht etwas zum Abnehmen." Auch Theodor Ulpts aus Aurich, bekannter Züchter von Deutschen Widdern, grau, hat die Fütterung seit geraumer Zeit nach den dargestellten diätetischen Grundsätzen ausgerichtet. "Ich hatte in meinem Bestand in der ersten Hälfte 2000 die bekannten Probleme mit der Enterocolitis. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich sehr energiereich gefüttert, weil ich die Ausstellungstiere möglichst schnell in Ausstellungskondition bringen wollte", so Theodor Ulpts. Die Umstellung der Fütterung nach diätetischen Grundsätzen, weg von einer sehr stärke- und energiereichen Versorgung der Tiere, hin zu einem Futter mit spezieller Diätausrichtung für die Blinddarmverdauung, wurde zunächst nicht ganz ohne Vorbehalt durchgeführt. Theodor Ulpts weiter: "Deutsche Widder müssen als große Rasse pünktlich zur Ausstellungssaison das entsprechende Standardgewicht bringen. Mit der von mir vorher praktizierten sehr energiereichen Fütterung hatte ich einen sehr schnellen Gewichtsanstieg bei den Aufzuchttieren. Durch die diätetische Fütterung verläuft die Kurve der Gewichtsentwicklung zwar etwas flacher, die gewünschten Standardgewichte werden aber auch bei meiner großen Rasse sicher erreicht. Bei den im späteren Frühjahr geborenen Tieren steuere ich das Gewicht in den letzten sechs Wochen vor den Ausstellungen durch eine etwas energiekonzentriertere Fütterung gezielt nach." Unter dem Eindruck der Enterocolitis-Problematik setzt Ulpts für die kommende Zuchtsaison auf die Neuausrichtung seiner Fütterung. "Durch die Umstellung auf die diätetische Fütterung konnten bei bereits erkrankten Tieren die Probleme zwar nicht beseitigt aber doch gemildert werden. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen setze ich meine Hoffnung in die gezielte frühzeitige Vorbeuge bei den Absetzern. Die endgültige Antwort wird das kommende Frühjahr geben." Diese Praxiserfahrungen zeigen, daß mit einer systematischen Kaninchenernährung, die auf diätetischen Grundsätzen aufbaut und die Besonderheiten des Verdauungssystems der Kaninchen umfassend berücksichtigt, gute Erfolge hinsichtlich der Gesunderhaltung bei guten Zuwachsleistungen und optimaler Zuchtkonditionierung der Tiere erzielt werden können. Es sind aber heute sicherlich noch nicht alle Fragen einer optimalen Diätetik in der Kaninchenfütterung geklärt. Hierzu bedarf es ständig weiterer praxisnaher Forschungsanstrengungen. Die Entwicklungsabteilung der deuka widmet sich dieser speziellen Fragestellung mit besonderem Vorrang.

Was bleibt festzuhalten?

In der Kaninchenernährung stehen die Begriffe "Diät" und "Diätetik" für "optimal zu verdauen, die Blinddarmverdauung sehr gut unterstützend". Daher zeichnen sich hochwertige diätetische Kaninchenfutter nicht in erster Linie durch einen niedrigen Energiegehalt, sondern durch ihre besondere, auf die Gesunderhaltung des Kaninchens und die optimale Unterstützung der Verdauungsvorgänge ausgerichtete Zusammensetzung aus.

Dr. Heinrich Kleine Klausing

Quelle:

Deutscher Kleintierzüchter Heft 2/01